In ihrem Video, welches 2017 eine Installation auf dem Chromatic Festival in Montreal begleitete, zitiert die Künstlerin Madelyne Beckles verschiedene Passagen aus Tiqquns Theorie und erscheint dafür selbst als Protagonistin. Die Tiqqunssche Ansammlung vom Jungen-Mädchen trifft hier auf ein handelndes Subjekt – Beckles spricht, mal mit Blick in die Kamera, mal fokussiert auf stereotypisch mädchenhafte Kosmetik, und vermengt dabei eine trockene Attitüde mit der Performance von Koketterie und Oberflächlichkeit.
In dieser Rolle macht sie unausweichlich deutlich, dass Tiqquns Theorie einen abwertenden, unangenehm-fetischisierenden Charakter hat und ihr eigenes Versprechen nicht halten kann.
Die Videoperformance selbst ist in einen collagierten Raum eingebettet, der in einer Vielfalt an Pinknuancen und einer körnigen DIY-Ästhetik gehalten ist. Der artifizielle Vintage- Sound des Videos erinnert an Dauerwerbesendungen, diese Assoziation wird durch die Arrangements von Kosmetika verstärkt. Diese verweist auf einen kapitalistischen Körperkult und dessen damit einhergehende, dem jungen Mädchen zugeschriebene Kaufkraft. In Standbildern wechselt die Kamera zwischen Parfumflakons, Duftkerzen und Nahaufnahmen von den Gefahrenhinweisen auf Haarspray; ganz im Sinne des konsumorientierten Versprechens von Selbstsorge. Beckles kritisiert mit ihrer Arbeit sowohl die Inhalte von “Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens” als auch Pinkwashing – also die Appropriation feministischer Inhalte zum Zwecke regressiver, konsumorientierter Ziele und den daraus resultierenden Mangel an Aufmerksamkeit für die Tragweite, Komplexität und Dringlichkeit einer inklusiven, feministischen Politik.
Das Betrachten des Videos löst bei mir ein abstraktes Gefühl von Leere und simultaner Übersättigung aus und auch Beckles scheint die artifizielle, pinke Kammer verlassen zu wollen: Das Video endet mit ihr, wie sie mit den Worten “The young is not expected to understand you.” 12 Beckles, Madelyne: Theory of a Young Girl, in: https://vimeo.com/226365764 (Zugriff: 27.08.23). vor den nun sichtbaren Greenscreen tritt. Einen vergleichbaren Effekt hat die Videoarbeit des Künstlers Charlie White, die sich mit der Theorie auseinandersetzt, dass das amerikanische Mädchen gemacht wird und es als eine kollektive Identität greift, an deren Umriss ebenfalls im Kapitalismus begründete Problematiken abgezeichnet werden können. Die Idee des gemachten Mädchens steht in geistiger Verwandtschaft zu Simone de Beauvoirs Denken, auf welches ich im Verlauf dieser Arbeit noch eingehen werde.
“OMF BFF LOL” umfasst verschiedene Clips mit einer Gesamtlänge von insgesamt 9 Minuten, wurde 2009 veröffentlicht und ist Teil von Whites genereller Analyse konsumbasierter Identitäten und kontemporärer Kultur in seiner “Girl Studies” Serie. Diese macht einen Großteil seines künstlerischen Schaffens aus und spiegelt sowohl die gesellschaftliche als auch seine eigene Faszination für das junge, amerikanische Mädchen. Derzeit lassen sich Ausschnitte der Arbeit auf Youtube finden. 13 White, Charlie: OMG BFF LOL (Bedroom), in: https://www.youtube.com/watch?v=WM1cbdHh34k (Zugriff: 27.08.23). White, Charlie: OMG BFF LOL (Mall), in: https://www.youtube.com/watch?v=6nwXHQeKR20, (Zugriff: 27.08.23). White, Charlie: OMG BFF LOL (Bathroom), in: https://www.youtube.com/watch?v=g5fF4F7uaq8 (Zugriff: 27.08.23).
Interessant ist ihre Aufteilung: Zwei Clips zeigen die Mädchen in jeweiliger Isolation, gelangweilt, einsam, weinend und jeweils im Bad oder Schlafzimmer – typische Territorien weiblich gelesener Privatsphäre, die wir aus Filmen der Popkultur kennen. Sobald sie im Einkaufszentrum zusammentreffen, verändert sich der Habitus der beiden. Die Düsterheit der anderen Clips verschwindet in Halbsätzen, so ist der Drang, kaufen zu wollen “like hell” 14 White, Charlie: OMG BFF LOL (Mall), in: https://www.youtube.com/watch?v=6nwXHQeKR20, (Zugriff: 27.08.23). , und dieses Statement Teil eines Kommunikationsflusses, der von Chatroom-typischen Abkürzungen dominiert wird:
“I love this”
“I love that too”
“Oh my God we are so alike”
“Oh my God we are. Like you are so my BFF”
“OMG u r my BFF 2” 15 White, Charlie: OMG BFF LOL (Mall), in: https://www.youtube.com/watch?v=6nwXHQeKR20, (Zugriff: 27.08.23).
Die Beziehung der Mädchen lebt durch den geteilten Materialismus auf, und die nach dem Kaufrausch empfundene Völle und Überforderung kann von ihnen in der finalen Szene des “Mall”-Clips nicht reflektiert werden.
Charlie White stützt seine Kapitalismuskritik auf die kollektive Identität, auf die auch Tiqqun sich bezieht: Das “Junge-Mädchen”, welches stereotypischen Beschäftigungen nachgeht und sich seiner Privilegien unbewusst ist.
Bemerkenswert ist die gravierende Ähnlichkeit zu den Erzeugnissen filmbasierter Popkultur, auf die sich auch mein gestalterisches Arbeiten bezieht: Szenen aus “OMG BFF LOL” und beispielsweise “Mean Girls” ergeben, nebeneinander gestellt, starke Ähnlichkeiten sowohl in ästhetischer wie auch szenischer und inhaltlicher Hinsicht.
Whites Gesamtwerk weist unter anderem dokumentarische wie inszenierte Fotografie auf, hat voyeuristische Züge und stellt dadurch die Frage nach der Beziehung zu seinen Protagonistinnen. Differenziert White zwischen dem realen Mädchen und der Figur seines Werks? Das lässt sich nicht umfassend oder abschließend klären, in einem Interview spricht White jedoch über die mögliche Rezeption seines Werks seitens realer Teenager:
A young woman, a 12-year-old, a 13-year-old lookingad OMG BFF LOL, they're only going to see it for what they want to see it for. They're not really gonna see the other layers at first. That's not to say that it's impossible for them to detect what's unusual about the cartoon of it's just to say that what we're discussing is actually adult. 16 Cavanaugh, Maureen, Carone, Angela: Artist Charlie White ́s Study Of Teenage Girls, in: https://www.kpbs.org/news/arts-culture/2010/10/12/artist-charlie- whites-study-teenage-girls (Zugriff: 22.08.23).
"OMG BFF LOL” ist in der sowohl inhaltlichen als auch ästhetischen Zweidimensionalität des Cartoons der frühen 2000er gehalten. Aufgeladen mit Kapitalismuskritik und kreischender Glattheit verursacht das Werk, was es mitunter kritisiert. Diese von White kritisierte Trivialität des Teenagermädchens scheint für ihn nicht mit den Grenzen seines Kunstwerks zu enden. Die mangelnde Differenz zwischen einer aus den mannigfaltigen Erzeugnissen einer Konsumkultur konstruierten Kunstfigur und dem realen, differenzierten Lebensrealitäten und Interpretationskapazitäten seiner jugendlichen Rezipientinnen ist irritierend. 17 Lebhaft kann ich mich an das leblose Gefühl erinnern, das mich als Jugendliche von 12 oder 13 Jahren beschlich, nachdem ich über Stunden hinweg Cartoons geschaut oder durch Magazine geblättert hatte. Diese Erfahrung, stromernd zwischen den Eckpfeilern der Surrealität, Langeweile und Aggression, ist in den Kernspeicher meiner Mädchenerinnerungen eingeschrieben und war das Erste, an das ich bei Beckles und Whites Arbeiten zurückdenken musste. Gleichermaßen klar ist die Erinnerung daran, dass ich dieses Phänomen simultan zu dessen Erfahrung einordnen und präzise abschätzen konnte, ab welchem Zeitpunkt sich die auf meinem Konsumverhalten basierende Kausalkette in Gang setzen würde.
Dem Teenager Mädchen wird das Teenager Mädchen verkauft – seine Macht liegt in seiner Kaufkraft, die Melancholie bleibt im Badezimmer, die Zusammenhänge können von den Protagonistinnen selbst nicht gezogen werden.
Im Vergleich mit der Arbeit von Beckles sehe ich hier die eindeutige Schwäche von Whites Werk: Beide Videos orientieren sich an einer juvenilen, pinken Ästhetik mit Bezug zur amerikanisch-westlichen Popkultur und verbinden ihre kultur- und konsumkritischen Thesen mit einer Erzählsprache, die ein Gefühl von Synthetik, Entfremdung und Übersättigung erzeugt. Beckles bricht diese Grundlage durch die simultane Bezugnahme auf den fetischisierenden, aversiven Charakter theoretisch- künstlerischer Perspektiven rund um das “Junge-Mädchen” auf.
Davon befeuert beruft sich ihr “Theory of a Young Girl” auf mehrere Ebenen des Diskurses rund um diese Figur und bewegt sich zwischen der Be- und Entkräftigung dessen Thesen.
White lässt durch das Fehlen an differenzierter Perspektive auf die Unterschiede zwischen realen Mädchen und Cartoon-Mädchen einen Zweifel daran aufkommen, was ihn dazu befähigt, “Girl Studies” durchzuführen und zu wessen Vorteil er es dennoch tut.
Die von ihm erbrachte Vermutung, dass Mädchen bei der Rezeption von “OMG BFF LOL” zunächst wahrscheinlich dessen mehrere Ebenen entgehen werden, verdeutlicht, dass seine Arbeiten zumindest nicht primär für diese gemacht sind.
Damit entsteht ein treffendes Beispiel für die Dynamik, die diesen Ansatz einer kollektiven Identität begleitet: Das “Junge- Mädchen” liefert den Raum und die Inhalte für eine Konsumkritik, und wird zu diesem Zwecke beobachtet, dokumentiert und einbezogen. In Folge darauf wird es als unwissend und verantwortlich zugleich portraitiert und somit abgewertet. Der daraus entwachsende Fokus und Vorteil gilt einem erwachsenen Publikum und regt ein Wertsystem an, das phallozentrisch ausgelegt werden kann – ein Phänomen auf das ich in dem Kapitel “Eine Theorie des Mädchens bei Deleuze” weiter Bezug nehmen werde.